Januar 2017: Ausblick 2017

Daniel Fürst

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Jahr 2016 war gezeichnet von vielen Ereignissen. So wurde beispielsweise in der zweiten Jahreshälfte das Wort „postfaktisch“ neu in unseren Sprachgebrauch aufgenommen. Doch was bedeutet postfaktisch? Es bedeutet, dass die Menschen den Fakten keinen Glauben mehr schenken möchten. Egal, welche Nachricht über die Medien übermittelt wird, es gibt immer ein Argument dagegen, der Leser wird verunsichert und findet Zweifel an der übermittelten Nachricht. Dies hat zur Folge, dass den gegebenen Tatsachen nicht mehr vertraut wird und wir uns statt auf Fakten lieber auf unser Gefühl verlassen. „Das postfaktische Zeitalter lässt sich nun einfach dadurch charakterisieren, dass in ihm das Szenario der Wahrheit gegenüber den beiden anderen Szenarien immer mehr an Gewicht verliert“ (Eduard Kaeser, NZZOnline, 22. August 2016).
Lange habe ich mir überlegt, ob wir Schornsteinfeger uns ebenfalls in einem postfaktischen Zeitalter befinden. Wir wissen z.B., dass die Energieträger Öl und Gas in naher Zukunft für die Beheizung von Wohngebäuden nicht mehr eingesetzt werden. Logischerweise sollten nun nach und nach alle Schornsteinfegerbetriebe beginnen, zusätzlich neue Geschäftsfelder zu erschließen. Dies beginnt in der Regel, indem sich jeder Einzelne überlegt, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Danach lässt sich eine Richtung erkennen. In unserem Handwerk spaltet sich diese in ein praktische oder eine beratende Tätigkeit. Dann kommt die Frage, wie eine neue Dienstleitung angeboten werden kann. Als Starthilfe eignen sich Seminare jeglicher Art bestens dafür. Man bekommt ein Gefühl für die Tätigkeit und wertvolles Wissen wird dabei vermittelt. Nicht nur, was die eigentliche Tätigkeit an sich anbelangt, auch das Drumherum, wie z.B. die Kalkulation einer neuen Dienstleistung oder die Marketingfaktoren, spielt eine große Rolle. Auch der Erfahrungsaustausch mit den anderen Teilnehmern darf dabei nicht unterschätzt werden. Irgendwann folgen dann das Anbieten der Dienstleistung und die Umsetzung in die Praxis. So viel zu den Fakten.
In der Realität wird die Tatsache, dass die Energieträger Öl und Gas nur noch für begrenzte Zeit zur Beheizung von Gebäuden eingesetzt werden, zwar kommuniziert. Allerdings folgt daraus keine Reaktion. Die meisten folgen in postfaktischem Handeln ihrem Gefühl und führen meist ausschließlich Arbeiten nach der 1. Bundes-Immissionsschutzverordnung und der Bundes-Kehr- und Überprüfungsordnung durch. Ungeachtet der genannten Tatsachen wollen sie sich nicht mit den heutigen Fakten und den Prognosen für die nahe Zukunft befassen.
Eine weitere Tatsache ist der allumfassende Fachkräftemangel. Die meisten Branchen verkünden seit Monaten, dass es an Fachkräften mangelt. Die Aussicht darauf, zeitnah qualifizierte Kräfte zu finden, ist in vielen Berufen schon gar nicht mehr gegeben. So sind viele Berufszweige schon heute sehr stark eingeschränkt und die wirtschaftlichen Einbußen, die daraus folgen, sind spürbar.
Im Schornsteinfegerhandwerk konnten wir den Fachkräftemangel in den letzten Monaten zum Glück eindämmen. Sicherlich ist die Umlagefinanzierung unserer Ausbildung über die Ausbildungskostenausgleichskasse GmbH (AKS) mit ein Grund dafür, dafür dass rund ein Viertel aller Schornsteinfegerbetriebe ausbildet. Dennoch wird das Instrument der umlagefinanzierten Ausbildung das Problem an sich nicht lösen können. Wenn wir den anderen Branchen die guten Schulabgänger abwerben wollen, um so unser Hab und Gut zu sichern, nämlich unser Fachwissen in vielen Bereichen rund um das Gebäude, so müssten wir unseren Beruf wesentlich attraktiver gestalten. Wir müssten mit weitaus höheren Löhnen werben. In anderen Handwerksberufen werden diese bereits gezahlt. Wir müssten unseren Auszubildenden höhere Vergütungen bezahlen. Auch das haben uns andere Handwerksberufen bereits voraus. Und wir müssten dafür Sorge tragen, dass flächendeckend Weiterbildungsmaßnahmen angeboten werden, welche sich nicht ausschließlich mit hoheitlichen Tätigkeiten befassen, nur um Punkte für die Bewerbung auf einen Bezirk zu bekommen. Es müssten qualitativ hochwertige Seminare sein, welche neue Dienstleistungen oder effizienteres Arbeiten in der Verwaltung des Bezirkes beinhalten. Dies ist keine abschließende Aufzählung. Aber so oder so ähnlich müsste sich das Schornsteinfegerhandwerk bewegen, wenn wir den Tatsachen in die Augen sehen. In der Praxis wird leider nichts davon ausreichend umgesetzt. Die Löhne der beschäftigten Schornsteinfeger sind im Vergleich zu anderen Handwerksberufen eher moderat gehalten. Die Löhne anderer Brachen, wie z.B. bei Industrieberufen, lassen wir mal außen vor. Auch die Ausbildungsvergütungen sind im Vergleich zu den Vergütungen in anderen Berufen im hinteren Drittel angesiedelt. Und was die Weiterbildungen anbelangt, so werden diese zwar tariflich geregelt. Allerdings ist dabei noch sehr viel Luft nach oben. Statt innovativer Schulungsthemen werden oftmals nur Standardthemen geschult, bei denen sich einige überlegen, ob sich der Schulungstag im Nachhinein überhaupt gelohnt hat.
Es gäbe so viele Dinge, welche wir in unserem Handwerk aufgrund der uns gegebenen Tatsachen ändern müssten. Doch offenbar sind nur wenige bereit, überhaupt etwas zu ändern.
In diesem Jahr wollen wir Zeichen setzen. Als ZDS sprechen wir uns dafür aus, dass die Ausbildungsvergütungen angehoben werden müssen. Weiterhin wollen wir gemeinsam mit unserem Sozialpartner definieren, wie die Schulungstage für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Schornsteinfegerhandwerk gestaltet werden. Wir werden uns dafür einsetzen, dass nicht nur Standardthemen, sondern auch innovative Schulungsthemen Einzug in den Unterricht finden. Und wir werden uns in diesem Jahr erneut bei den anstehenden Tarifverhandlungen für eine faire Bezahlung unserer Arbeitskraft einsetzen. Dabei ist es wichtig, dass wir als Gemeinschaft zusammenstehen und Verantwortung nicht nur für uns selbst und unsere Kolleginnen und Kollegen tragen, sondern Verantwortung auch für unseren Beruf übernehmen. Jeder Einzelne ist dazu aufgerufen, seinen Beitrag für unsere Zukunft zu leisten. Wir müssen den Weg aus dem postfaktischen Zeitalter im Schornsteinfegerhandwerk heraus finden, hin zu den Tatsachen, hin in unsere eigene Zukunft.

„Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muss sein: Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht“ (Karl-Raimund Popper, Philosoph).

Euer
Daniel Fürst

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