August 2015: Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Daniel Fürst

zum 31.12.2015 haben wir den Bundestarifvertrag (2014–2015) gekündigt. Mittels persönlicher Übergabe am 23.06.2015 an Hans-Günther Beyerstedt ging das Kündigungsschreiben inkl. Terminvorschlägen für mögliche Verhandlungstermine an den Zentralinnungsverband des Schornsteinfegerhandwerks (ZIV).

In den letzten Wochen haben wir uns als ZDS intensiv mit den Vorbereitungen auf die anstehende Tarifrunde auseinandergesetzt. Mithilfe einer Onlineumfrage haben wir nahezu alle unsere Mitglieder aufgefordert, ihre aktuelle Situation, aber auch ihre Wünsche für einen neuen Tarifabschluss mitzuteilen. Die Resonanz war erstaunlich. Fast 60 % aller unserer Mitglieder haben an der Umfrage teilgenommen und konnten so an der Gestaltung unseres Forderungspaketes mitwirken. In vielen unserer Sitzungen haben wir uns umfassend mit dem Forderungspaket und mit möglichen Tarifkampagnen beschäftigt. Hervorragend beurteile ich dabei auch die Arbeit unseres Arbeitskreises Tarif auf Bundesebene, welcher es geschafft hat, das Thema Tarif in jede unserer Gliederungen zu transportieren und zu diskutieren.

Die Diskussionen im Vorfeld der anstehenden Tarifrunde lassen darauf schließen, dass die diesjährige Tarifrunde verlaufen wird wie alle anderen Tarifrunden zuvor auch. Der ZDS kündigt den Tarifvertrag, fordert mehr Lohn, bessere Lohnnebenleistungen und bessere soziale Bedingungen für die Arbeitnehmer/-innen im Schornsteinfegerhandwerk, formuliert diese in einem Forderungspaket und übergibt dieses dem ZIV. Die Arbeitgeber hingegen sind sich in ihren Aussagen mal wieder nicht einig. Manche Arbeitgeber bestätigen uns darin, dass es korrekt ist, mehr Lohn zu verlangen, sagen dies allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Sie möchten es sich mit dem Obermeister ja nicht verscherzen. Andere hingegen erzählen uns, dass eine Lohnerhöhung zum jetzigen Zeitpunkt nicht umsetzbar ist. Den Betrieben geht es momentan zwar gut, so sagen sie, aber wer weiß, wie die Situation in ein paar Jahren aussehen mag. Und wiederum andere Arbeitgeber erzählen uns, dass sie ihre Mitarbeiter bereits „über“ Tarif bezahlen und keine Notwendigkeiten sehen, eine Lohnerhöhung in einem Tarifvertrag zu verankern. Also alles so, wie wir es von vergangenen Tarifrunden schon gewohnt sind. Aber irgendwie scheint diesmal doch etwas anders zu sein als sonst. Die Diskussionen mit den Arbeitgebervertretern wirken ergebnisorientierter als sonst. Auch bei Gesprächen mit Betriebsinhabern hat man das Gefühl, dass die diesjährige Tarifrunde weniger hart werden wird. Aber was sind die Gründe für die vermeintliche Harmonie?

Liegt es daran, dass die Arbeitgeber in den letzten Jahren sehr viel Nachwuchs aus unseren Reihen bekommen haben und nun in den Innungen Mitglieder sitzen, welche vor kurzem noch Arbeitnehmer waren? Es könnte sein, dass durch diese Tatsache das Verständnis für die Entlohnung der Arbeitnehmer im Handwerk inzwischen gewachsen ist. Eine andere Ursache könnte sein, dass viele Arbeitgeber erkannt haben, dass eine Lohnerhöhung für ihre Mitarbeiter, umgerechnet auf einen Kunden oder einen Haushalt, eine verschwindend geringe Erhöhung der Preise nach sich ziehen würde. Lohnerhöhungen müssen nicht mehr wie vor einigen Jahren der Behörde gegenüber gerechtfertigt und in Form von Gebührenerhöhungen angepasst werden. Jeder Unternehmer kalkuliert seine Preise selbst und kann dabei die Betriebsausgaben (dazu zählen auch Lohnkosten) mit einkalkulieren. Wie eine einfache Erhöhung der Preise funktioniert, haben viele Unternehmer im Schornsteinfegerhandwerk in den letzten Jahren bereits erfolgreich ausprobiert. Ohne große Probleme wurden die Preise um ein paar Cent oder Euro erhöht und niemand hat sich nennenswert darüber beschwert. Weder die Kunden noch die umliegenden Kollegen oder gar die Berufsverbände. In manchen Fällen könnte die angesprochene harmonische Diskussion im Bereich Tarif auch daran liegen, dass inzwischen einige Arbeitgeber begriffen haben, dass Lohnpolitik im Schornsteinfegerhandwerk mit Verantwortung zu tun hat. Mit Verantwortung für unseren Beruf und unsere Zukunft. Bei der Verhandlung um höhere Löhne für Beschäftigte geht es am Verhandlungstisch nicht darum, uns Arbeitnehmern zu zeigen, wer die dickeren Eier hat. Es geht darum, dass die Tarifvertragsparteien einen Bundestarifvertrag abschließen, in dem die Leistungen in angemessenem Maße definiert werden. Persönliche Befindlichkeiten sollten hierbei gegen Weitblick ersetzt werden.

Der ehemalige Bundesinnungsmeister des Schornsteinfegerhandwerks, Eugen Steichele, prägte zu seiner aktiven Zeit einen Satz: „Es gibt Zeiten, da knüpft man Netze und es gibt Zeiten, da fängt man Fische.“ In den letzten Jahren haben wir Netze geknüpft. Die Arbeitnehmer übten Zurückhaltung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil wir alle nicht wussten, wie ein Schornsteinfegerhandwerk ohne Monopol aussehen kann. Die Betriebe indes waren damit beschäftigt, sich auf die Zukunft und den Umbruch vorzubereiten. Seit der Zeit der Ungewissheit im Schornsteinfegerhandwerk sind inzwischen fast drei Jahre vergangen. Seitdem arbeiten wir in gewohnter Zweisamkeit in den Betrieben und stellen fest, dass ein Schornsteinfegerhandwerk ohne Monopol sogar sehr gut funktioniert. Die Netze, welche wir gemeinsam geknüpft haben, werden ins Wasser geworfen und wir beginnen Fische zu fangen. In der diesjährigen Tarifrunde möchten wir deutlich machen, dass wir mehr können, als nur Zurückhaltung zu üben und Netze zu knüpfen. Wir werfen ebenfalls die Netze ins Wasser und fangen große Fische.

Die Zeiten, dass das Schornsteinfegerhandwerk an der Spitze der Verdiener im deutschen Handwerk steht, sind seit Jahren vorüber. Es darf nicht noch weiter nach unten gehen! Von uns wird verlangt, im Wissen und in der Qualifikation die Elite des Handwerks zu bilden. Wir müssen uns qualifizieren, fort- und weiterbilden. Die neue Ausbildungsverordnung im Schornsteinfegerhandwerk spiegelt dies deutlich wider. So, meine ich, muss die an uns gerichtete Forderung nach mehr Qualifikation auch honoriert werden.

In den letzten Tagen haben wir unsere diesjährige Tarifkampagne „Bist du OK?“ gestartet. Mit cartoonähnlichen Filmen möchten wir zeigen, dass es im Schornsteinfegerhandwerk Bereiche gibt, welche O.K. sind. Andererseits gibt es aber auch Bereiche, die sind nicht O.K.! Und diese wollen wir für die Arbeitnehmer/-innen im Schornsteinfegerhandwerk verbessern. In unserem Forderungspaket, welches wir bereits an die Arbeitgebervertreter gesendet haben, wurden von uns moderate, aber sehr ernst gemeinte Forderungen formuliert.

Auch wenn durch den Fachkräftemangel einige Kolleginnen und Kollegen vermeintlich „über“ Tarif bezahlt werden, so muss eine Lohnsteigerung auch im Bundestarifvertrag verankert werden. Wir möchten unseren Beruf wieder attraktiv gestalten. Dazu ist es notwendig, dass ordentliche Löhne im Schornsteinfegerhandwerk bezahlt werden. Wir sind das Schornsteinfegerhandwerk der Zukunft. Und für die Zukunft brauchen wir motivierte und gut ausgebildete Fachkräfte!

Euer
Daniel Fürst

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