März 2017: Verbunden durch unser Handwerk

David Villmann

Als Traditionsgewerkschaft im deutschen Handwerk können wir auf eine über 100-jährige Vergangenheit zurückblicken, in der wir für das Schornsteinfegerhandwerk vieles erreichen konnten. Mit der Gründung der internationalen Schornsteinfegergewerkschaft (ICU) erweiterte sich der Blickwinkel auf den internationalen Raum. Nachdem wir sehr viel von den skandinavischen Ländern lernen konnten, insbesondere im Bereich des Arbeitsschutzes und der Ausbildung, sind wir jetzt an der Reihe, unsere Erfahrungen weiterzugeben und damit zu helfen.
Seit letztem Jahr ist die ungarische Schornsteinfegergewerkschaft Kéményseprök Országos Szakszervezete (KOSZ) in der ICU, um Unterstützung zu erhalten, die sie auch dringend benötigt. Das, was wir in Deutschland unter Streik- und Arbeitsrecht verstehen, ist in Ungarn so gut wie nicht vorhanden. Durch die Politik der rechtskonservativ- nationalpopulistischen FIDESZ-Regierung mit Premierminister Viktor Orbán ändert sich auch politisch nicht gerade etwas an der Situation – ganz im Gegenteil. Die dortige Regierung stellte eine umfassende Novellierung des Arbeitsrechts vor, die den Arbeitsmarkt flexibler gestalten und Entlassungen erleichtern sollte. Die Reform stärkte Arbeitgeber und minderte weiter die Rechte von Gewerkschaften und Arbeitnehmer/innen in Ungarn. Urlaube wurden gekürzt, Schichtzulagen geschmälert, der Kündigungsschutz, insbesondere für Mütter im Erziehungsurlaub, gekürzt und vieles mehr. Die Gewerkschaften in Ungarn sprachen während der Novellierung von einem „Handbuch für Sklaverei“ und verteilten Flugblätter mit der Aufschrift „Werden wir Sklaven oder Freie sein?“. Hinzu kam eine umfassende Steuerreform mit einer Einheitssteuer von 16 %, welche die Reichen entlastete und dem großen Rest der Gesellschaft größere Lasten aufbürdete. Doch hier könnte man sich die Frage stellen, warum insbesondere bei der Arbeitsrechtsreform die Gewerkschaften nicht zum Streik aufrufen? Das ist nicht mehr möglich, denn durch das modifizierte Streikgesetz vom Dezember 2010 sind Streiks so gut wie unmöglich. Die Gewerkschaften müssen sich mit Arbeitgebern und dem zuständigen Gericht auf einen Notfallplan einigen, der die „ausreichende und sichergestellte Mindestversorgung“ sicherstellt. Kurz nach der Novellierung gab es noch vereinzelte Streiks, die früher oder später gerichtlich gestoppt wurden, jedoch blickt das Land auf eine über 5-jährige streikfreie Zeit zurück.

Das sind keine guten Zeichen für die Arbeitnehmer/innen in Ungarn und somit auch für die dort arbeitenden Schornsteinfeger. Deshalb benötigt unsere ungarische Partnergewerkschaft Unterstützung von den großen und starken Gewerkschaften in Westeuropa. Leider gibt es keinen richtigen Arbeitgeberverband in Ungarn und somit bleibt uns nur die Möglichkeit, zuerst in Großbetrieben und später in Kleinbetrieben ordentliche Löhne und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen.
Nur so können wir die Schornsteinfeger/innen wieder aus ihrem Existenzminimum befreien und so eine Grundversorgung für Kolleginnen und Kollegen sicherstellt. Jedoch nicht nur in reiner Gewerkschaftsarbeit können wir helfen, sondern auch als Fachverband im Schornsteinfegerhandwerk. So werden wir zukünftig auch über bessere Qualifizierungsmöglichkeiten in Ungarn sprechen, um den Job des Schornsteinfegers an sich lukrativer und attraktiver zu gestalten. Zuletzt sind wir alle angestellte Schornsteinfeger/innen, die sich untereinander unterstützen, um das, was wir alle lieben, unter fairen, gerechten und ordentlich bezahlten Arbeitsbedingungen durchzuführen.

Mit kollegialen Grüßen
David Villmann

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