Mai 2014: Wer hat recht?

Daniel Fürst

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vor nicht allzu langer Zeit habe ich meine Ausbildung zum Schornsteinfegergesellen begonnen. Damals wurde mir gleich zu Beginn des ersten Lehrjahres von mit Angst getriebenen Bezirksschornsteinfegermeistern erklärt, dass in der derzeitigen Situation unklar sei, ob ich meine Ausbildung überhaupt zu Ende machen könne, da unser Beruf ohnehin früher oder später den Bach runter gehen würde. Ohne das Monopol im Schornsteinfegerhandwerk, so wurde mir erklärt, können die Betriebe im Schornsteinfegerhandwerk nicht überleben. „Und die vom ZDS wollen, dass es den Betrieben schlecht geht.“ Sprüche wie „Die Funktionsträger des ZDS sind die Totengräber des Handwerks!“ waren an der Tagesordnung, vor allem dann, wenn viele, meist selbstständige, Kolleginnen und Kollegen aufeinander trafen.

Aber ich wollte mir selbst ein Bild vom ZDS und seinen vermeintlich bösartigen Funktionsträgern machen. Also ging ich zu den Infoveranstaltungen des ZDS, um mir anzuhören, was denn die „böse“ Arbeitnehmerschaft im Schornsteinfegerhandwerk so zu erzählen hat. Ich konnte mir schon vorstellen, mit welchen Parolen die Funktionsträger des ZDS über die Arbeitgeber herziehen würden ‒ ähnlich denen der Arbeitgeber, die ständig über die Arbeitnehmervertreter herzogen. Doch ich war erstaunt, als ich von den ZDSlern zu hören bekam, dass die Innung für die Arbeitgeber wichtig sei und sie durchaus wichtige Arbeit für das Schornsteinfegerhandwerk leisten. Noch erstaunter war ich, als mir plötzlich klar wurde, dass die jetzigen Funktionäre der Innungen früher auch Funktionäre des ZDS gewesen waren. Warum sollten die Arbeitgeber den Verband schlechtmachen, den sie einmal geleitet haben?

Ich lauschte den Vorträgen, ließ mich über die Rechte und Pflichten eines Auszubildenden aufklären und erfuhr so einiges über die Geschichte des ZDS und über Arbeitsrecht. Natürlich wurde auch über die damals aktuelle Situation der Dienst- und Niederlassungsfreiheit, die von der Europäischen Union gefordert wurde, diskutiert.

Im Laufe meiner Ausbildungszeit habe ich viele Veranstaltungen des ZDS besucht. Meine Mission war es zu verstehen, wer wohl recht hat: Die Arbeitgeber oder die Arbeitnehmer im Schornsteinfegerhandwerk? Immer wieder habe ich dazu die Fachzeitschriften studiert, stets auf der Suche nach neuen Anschuldigungen gegen die Innung oder den ZDS. Und tatsächlich, egal wo man hinschaute oder -hörte, überall wurde über das Top-Thema, den Wegfall des Monopols im Schornsteinfegerhandwerk, ausgiebig diskutiert. Die Bandbreite reichte von Schornsteinfegerhassern, die überbürokratischen Regelungen der EU, dem ZDS als Totengräber des Handwerks und der Innung, die nichts mache, außer die Geschichte auszusitzen. Schuldzuweisungen gab es genügend, nur waren diese nicht belegbar. Auf der Suche nach einem Schuldigen führte ich viele Gespräche. Besonders in Gesprächen mit Arbeitgebern hat man mir die schlimmsten Dinge über diesen gewerkschaftlichen Fachverband erzählt und mich dazu ermahnt, nach meiner Ausbildungszeit nicht in den ZDS einzutreten.

Ich habe die Funktionsträger des ZDS mit diesen Vorwürfen konfrontiert, und ich wollte vor allem eine Antwort auf die Frage: Wer hat recht? Bei den Anschuldigungen gegen den ZDS spielte den Arbeitgebern die Existenzangst einiger Betriebe in die Hände. Die Arbeitnehmer des ZDS hingegen hatten die besseren Argumente und konnten diese auch glaubhaft vermitteln.

 

An dem Tag, an dem ich meinen Gesellenbrief in den Händen hielt und gefragt wurde, ob ich in den ZDS eintreten wolle, geschah etwas, womit ich selbst nicht gerechnet hatte: Nach allen Zweifeln und Ängsten habe ich mich am Ende auf mein Bauchgefühl verlassen, das mir sagte, ich soll den Aufnahmeantrag des ZDS unterschreiben.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Im Schornsteinfegerhandwerk müssen wir uns im Jahr 2014 nicht mehr vor dem Fall des Monopols fürchten. Auch die Angst, dass es in ein paar Jahren kein Schornsteinfegerhandwerk mehr geben könnte, ist in der heutigen Zeit unbegründet. Und dennoch erlebe ich tagtäglich, dass junge Auszubildende dem ZDS voreingenommen gegenüber stehen. Einige erzählen sogar davon, wie ihnen der ZDS während ihrer Ausbildungszeit schlecht geredet wurde und sie aufgefordert wurden, die kostenlose Servicemitgliedschaft im ZDS zu kündigen.

Ich denke, dass wir mit einem kollegialen Miteinander zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern mehr erreichen, als mit der veralteten Propaganda, die seit einem Jahrzehnt mehr als fehl am Platz ist. Je mehr ich damals von den Arbeitgebern vom Eintritt in den ZDS abgehalten wurde, desto mehr zog es mich dort hin. Es ist Ironie des Schicksals, dass mich die Chefs in die Gewerkschaft getrieben haben.

Ich möchte deutlich machen, dass es nicht nötig ist, auf Berufskollegen einzuprügeln. Es ist auch nicht nötig, Auszubildenden Horrorgeschichten über Gewerkschaften zu erzählen. Ich möchte deshalb alle Arbeitgeber dazu ermuntern darüber nachzudenken, ob eine gemeinsame Zukunft nicht sinnvoller und einfacher für uns wäre. Alle noch unentschlossenen Auszubildenden möchte ich dazu aufrufen, es mir gleich zu tun und sich ein eigenes Bild vom ZDS zu machen.

Auf die Frage, wer recht hat, bleibt nur zu sagen: Keiner oder jeder ein wenig! Jeder Verband vertritt eben die Interessen seiner Klientel.

Euer/Ihr

Daniel Fürst
Vorstand Finanzen/Verwaltung

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