November 2015: Mehr Lohn durch mehr Arbeit?

Henry Vinke

Das und nicht weniger will uns der Zentralinnungsverband (ZIV) aktuell verkaufen. In ihrem Angebot aus der ersten Tarifverhandlung fordern sie eine Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden je Woche und gleichzeitig eine besondere Arbeitszeitregelung für die Hauptstadt Berlin. Im Stadtstaat sei durch viele neue Feuerstätten, Nahwärmenetze, die Reform des Schornsteinfegerhandwerksgesetzes und viele weitere Veränderungen so viel Arbeit weggebrochen, dass die Betriebsinhaber ihre Mitarbeiter nicht mehr zu 38,5 Stunden/Woche anstellen und bezahlen könnten. Doch was bedeutet eigentlich eine Reduzierung der Regelarbeitszeit in Berlin für die Kolleginnen und Kollegen, die in den Schornsteinfegerbetrieben mit den nachweislich bundesweit höchsten Umsätzen arbeiten? Deine Entlohnung wird laut unserem Bundestarifvertrag für das Schornsteinfegerhandwerk (BTV) über eine sogenannte Lohnberechnungsformel berechnet. Maßgeblich wird diese Formel von der Wochenarbeitszeit beeinflusst, die aktuell bundeseinheitlich bei 38,5 Stunden/Woche klar geregelt ist. Das bedeutet: weniger Wochenarbeitszeit – weniger Lohn! Nachdem wir nun festgestellt haben, dass Hauptstadtfeger dadurch einen finanziellen Nachteil haben, müssen wir uns die Frage stellen, warum ausgerechnet der Landesinnungsverband Berlin eine solche Forderung aufstellt? Andere Bundesländer mit Großstädten oder gar die beiden anderen Stadtstaaten fordern keine Veränderungen bezüglich der Arbeitszeit im Bundestarifvertrag. Ebenfalls konnten wir im Dialog mit Betriebsinhabern und Mitgliedern aus Großstädten feststellen, dass dort nicht so große Probleme auftreten wie der LIV Berlin nach außen darstellt. Deshalb sind wir der festen Überzeugung, dass diese Probleme nur zum Teil auftreten und einen vorgeschobenen Grund bilden. Die Wahrheit lautet hier ganz anders. Rund um Berlin ist bekanntlich das Flächenland Brandenburg angesiedelt, welches nach BTV die Arbeitnehmer nur zum Osttarif bezahlen muss. Deshalb können Betriebe in Brandenburg billigere Arbeiten anbieten als die Kollegen nebenan in der Hauptstadt und genau davor hat der LIV Berlin Angst. Durch die Verringerung der Wochenarbeitszeit wollen die Arbeitgeber ein Stück weit weg vom Lohnniveau Berlins. Dies gilt es zu verhindern, es sei denn, am Ende des Tages haben die Arbeitnehmer im Stadtstaat Berlin einen finanziellen Vorteil, der die Kürzung rechtfertigt und ordentlich entlohnt.

In allen anderen Bundesländern hätte der ZIV gerne eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden. Viele Schornsteinfeger arbeiten betrieblich bedingt schon mehr als 38,5 Stunden die Woche. Zurzeit erhalten sie allerdings für jede Überstunde einen festgesetzten Zuschlag und somit mehr Lohn. Eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit hätte zur Folge, dass der Überstundenzuschlag wegfällt und erst ab der 41. Stunde ein „Mehraufwand“ vorhanden ist. Das würde vielen aus unserer schwarzen Zunft schaden. Unser Sozialpartner sieht dies anders. Er argumentiert, dass durch die Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 40 Stunden die Woche eine Lohnerhöhung gegeben wäre. Denn wer mehr arbeitet, wird laut Lohnberechnungsformel auch mehr entlohnt. Dass dies aber ein Reallohnverzicht für alle Kolleginnen und Kollegen bedeutet, die derzeit schon 40 Stunden arbeiten gehen, erzählt er natürlich nicht. Deshalb kann es nur eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit geben, wenn dagegen ein ordentliches Lohnplus auf jeder Abrechnung der Arbeitnehmer im Schornsteinfegerhandwerk zu verzeichnen ist.

Hinweis an den Landesinnungsverband Berlin: Sinnvoller als eine Arbeitszeitverkürzung wäre, den bis 2016 versprochenen Ost-West-Angleich herzustellen. Somit würde dann auch für die Betriebe mit den höchsten Umsätzen das Motto gelten: gleicher Lohn, gleiche Arbeit. Oder besser formuliert: gleiche Kosten, gleiches Angebot!

Mit kollegialen Grüßen
Henry Vinke

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