November 2016: Gesellen – Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Henry Vinke

Seit einiger Zeit haben wir im Handwerk immer wieder Probleme, die durch den Fachkräftemangel – egal ob Gesellen- oder Meistergesellenmangel – hervorgerufen werden. Arbeitsaufgaben, die von den Betrieben nicht abgeleistet werden können, und nicht vergebene Verwaltungsbezirke und die dadurch entstehenden Bezirksauflösungen mangels Bewerbungen können dem Handwerk nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft langfristig schaden.

Die Ursachen für diesen Mangel an Fachkräften können in verschiedenen Bereichen liegen und sind vielfältig. So können die viel zu niedrige Ausbildungsvergütung, die dezentrale schulische Ausbildung oder die geringen Anreize für eine Qualifikation zum Meister für die Gesellen in den Betrieben Schuld an der derzeitigen Situation sein.

Besonders im Bereich der Ausbildungsvergütung hinkt das Schornsteinfegerhandwerk im berufsübergreifenden Vergleich weit hinterher. Anfänge zur Verbesserung in diesem Bereich wurden mit der Festschreibung der Mindestvergütung in der Ausbildungsausgleichskasse (AKS) getan und bilden nun eine gute Grundlage für weiteren Fortschritt. Doch um die heutige und zukünftige Leistungsspitze der Ausbildungswilligen in unser Handwerk zu holen, müssen viele weitere Schritte getan werden.

Es gilt nach wie vor, dass neben den persönlichen Interessengebieten gerade die Ausbildungsvergütung eine große Rolle bei der Entscheidung für einen Ausbildungsberuf spielt. In der momentanen Situation bekommen Lehrlinge des Schornsteinfegerhandwerks im 1. Lehrjahr 429 €, im 2. Lehrjahr 486 € und im 3. Lehrjahr 567 € ausbezahlt. Dass diese Zahlen unser Handwerk im Vergleich mit anderen Gewerken ans Ende der „Nahrungskette“ bringen, ist längst kein Geheimnis mehr.

Nur in wenigen Betrieben wird heute schon über die Mindestentlohnung hinaus etwas für die Auszubildenden getan. Hier können neben den monetären Bereichen auch Leistungen wie Erstausstattung der Berufsbekleidung, Zahlungen in die Pensionskasse (PKS), vermögenswirksame Leistungen (VL) etc. dem Auszubildenden geboten werden. Das Bundesland Bayern ist hier dem Rest der Republik ein Stück in die Zukunft enteilt und hat die Ausbildungsvergütung für Auszubildende des Schornsteinfegerhandwerks in Bayern um über 50 % angehoben und Leistungen wie die Zahlungen der PKS und VL implementiert.

Trotz der Tatsache, dass die Erhöhung der Leistungen „nur“ eine Empfehlung des Landesinnungsverbandes und des vor Ort ansässigen ZDS ist, wird die Regelung einheitlich und mit großer Zustimmung der Ausbilder umgesetzt. Diesen Weitblick würden wir uns auch in einigen anderen Bundesländern wünschen, denn gerade wenn man sich insbesondere die „neuen Bundesländer“ mit Blick auf diese Regelungen anschaut, ist die Abbruchszahl derer, die noch innerhalb der ersten 1 bis 1 ½ Lehrjahre aus finanziellen Gründen abbrechen, exorbitant hoch im Vergleich zu den „alten Bundesländern“.

Auch wenn manche Betriebe oder Personen mit der Perspektive der guten Verdienstmöglichkeiten nach dem Ablegen der Gesellenprüfung den einen oder anderen Ausbildungswilligen als Auszubildenden gewinnen wollen, wird dies wohl kaum ein ausreichend starkes Argument sein. Bei stark ansteigenden Lebenshaltungskosten, gerade in den Bereichen Mieten, Strom- und Versicherungskosten, kann ein aktueller Stundenlohn von 13,16 € bzw. 13,06 € (Berlin) im ersten Gesellenjahr niemanden vom Hocker hauen. 

Am Ende bleibt die Gewissheit, dass die Akteure im Schornsteinfegerhandwerk über die Ausbildung sowie deren Rahmenbedingungen in Bereichen der gezahlten und bewilligten Leistungen für Auszubildende nachdenken müssen. Es besteht ein großer Nachholbedarf in monetärer Hinsicht.

Die Betriebe benötigen jetzt und weitergehend auch in naher Zukunft dringend gut ausgebildete Fachkräfte, um unser traditionelles und innovatives Handwerk zu erhalten und gleichzeitig sicherzustellen, dass die vom Gesetzgeber übertragenen Aufgaben von den Betrieben fachgerecht ausgeführt werden können.

Ohne Auszubildende keine Gesellen – ohne Gesellen keine Meister – ohne Meister keine Schornsteinfegerbetriebe! Das Handwerk muss jetzt aufwachen, um die Zukunft nicht zu verschlafen, aber vor allem nicht zu gefährden.

Henry Vinke

Regionalsekretär RV Nord

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