03.09.2012: Moderne Ausbildung heißt, das ganze Projekt sehen

Interview mit Andreas Brieske, Sachverständiger des BiBB zur Neuordnung der Ausbildungsordnung

Lieber Andreas, am 04. Juli 2012 wurde im Bundesgesetzblatt die neue Schornsteinfeger-Ausbildungsverordnung (SchfAusbV) veröffentlicht. Damit endete ein über vier Jahre dauernder Prozess, der federführend vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) begleitet wurde.

Zu dieser Neuordnung des Berufsbildes warst Du für die Arbeitnehmerseite als einer von insgesamt sechs Sachverständigen im Ausschuss des BiBB berufen. In sechs offiziellen Sitzungen der Sachverständigen des Bundes habt ihr somit die neue AVO auf den Weg gebracht. Was ist im Kern die wesentlichste Änderung, die die neue AVO mit sich bringt?

Andreas Brieske: Inhaltlich ist die neue AVO komplett überarbeitet, da die Anpassung an das neue SchfHwG vorgenommen werden musste. Hier wird nun mehr Wert auf die praxisbezogenen Inhalte gelegt.

Wie wir mitbekommen haben, gab es durchaus kritische Stimmen im Nachgang zur Veröffentlichung. Insbesondere der DGB ging mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie hart ins Gericht.

Andreas Brieske: Das ist richtig. Wir hätten gerne die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung fest in der AVO verankert, denn für unser Handwerk wäre durch diese ergänzenden Ausbildungsmaßnahmen sichergestellt, dass auch Auszubildende aus sehr kleinen oder spezialisierten Betrieben Einblicke in alle praktischen Ausbildungsinhalte bekommen. Doch leider war gerade das BMWI hier anderer Meinung, gegen die Meinung aller Sachverständigen, zuständigen Gremien im BiBB und Vertreter der Kultusministerkonferenz (KMK). Dies ist mir unbegreiflich, weil die Bundesregierung bei jeder Gelegenheit betont, dass Verhandlungsergebnisse der Tarif- und Sozialpartner besser sind als Eingriffe der Politik.

Also gibt es künftig keine ÜLU mehr?

Andreas Brieske: Das wollen wir nicht hoffen. Nur muss man jetzt eben einen Beschluss zur Umsetzung der ÜLU über alle zuständigen Handwerkskammern auf den Weg bringen. Das ist nicht mal eben schnell gemacht und das neue Ausbildungsjahr hat bereits begonnen.

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Ein Ziel der neuen AVO war ja auch, dass Ausbildung sowie die Prüfung praxisorientierter ablaufen sollten. Ist Deiner Meinung nach dieses Ziel erfüllt?

Andreas Brieske: Durchaus, denn die künftigen Gesellen haben durch die Vermittlung der neuen AVO die Chance, das gesamte Tätigkeitsfeld des Schornsteinfegers zu erweitern. Für den Kunden bedeutet das, der Schornsteinfeger von Morgen kann noch mehr Dienstleistungen vor Ort anbieten als in der Vergangenheit und das mit einer höheren Qualität.

Aber auch für die Berufsschulen ändert sich nun doch einiges, oder?

Andreas Brieske: Ja. Dort muss künftig die Umsetzung von spezifischen Lernfeldern vermittelt werden, welche sicherstellen, dass die Auszubildenden ihr künftiges Wissen selbstständig erarbeiten müssen. Der Vorteil liegt dann darin, dass die künftigen Gesellen Probleme ganzheitlich erkennen und diese selbstständig lösen und beheben können. Das ganze Projekt sehen und nicht mehr einzelne Aufgabengebiete. Das verstehe ich unter einer modernen Ausbildung!

Kurz zu den abgelaufenen Sachverständigensitzungen, zu denen Du als AN-Vizepräsident der Handwerkskammer Wiesbaden vom DGB vorgeschlagen wurdest. Wie muss man sich diese Sitzungen beim BiBB vorstellen?

 Andreas Brieske: Von den Sozialpartnern wurden je drei Arbeitnehmer und Arbeitgeber sowie drei Stellvertreter vom BiBB berufen. Beide Parteien haben jeweils noch einen Koordinator. Das BiBB als Projektleitung stellt zwei Personen. Als Bindeglied zu den Berufsschulen stellt die KMK einen Vertreter ab. Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) waren eben ebenfalls bei den Sitzungen anwesend. Erst wird die AVO auf den aktuellen Stand gebracht, inhaltliche Beschreibungen, Ausbildungsberufsbild, Zwischenprüfung und Gesellenprüfung, um nur einige Punkte zu nennen. Danach wird Punkt für Punkt der neue Ausbildungsrahmenplan mit Leben gefüllt. Ganz zum Schluss werden zeitliche Richtwerte in Wochen den Inhalten zugeordnet und die Verteilung über die drei Lehrjahre bestimmt.

Was muss nun noch in den nächsten Wochen und Monaten geschehen?

Andreas Brieske: Neben der schon erwähnten Verankerung der ÜLU über die zuständigen Handwerkskammern wäre zum einen die komplette Umsetzung der neuen Ausbildung mit ihrem Berufsschulunterricht, der ÜLU, der betrieblichen Ausbildung, aber auch dem Prüfungswesen zu erledigen. Gerade zu letzterem müssen der Ablauf einer Prüfung vollständig überarbeitet, neue Prüfungsfragen und Formblätter erstellt werden. Nicht zu vergessen natürlich die Schulung der betroffenen Personen, die alle mit der Ausbildung in Berührung kommen. Gerade für die Prüfungsausschüsse wird das anfangs sicherlich nicht einfach sein.

Welcher Zeitplan ist dafür vorgesehen?

Andreas Brieske: Offiziell ist die AVO am 01.08.2012 in Kraft getreten. Folglich betrifft die Umsetzung erstmals die Zwischenprüfung im Herbst/Winter 2013/2014, da für bereits bestehende Lehrverhältnisse die alte AVO noch verbindlich ist. Bis dahin müssen nun die erwähnten Hausaufgaben vom Schornsteinfeger-Handwerk und den Berufsschulen erledigt werden. Und diese Hausaufgaben sind nicht zu verachten. In einem kleinen Arbeitskreis soll zur besseren und einheitlichen Umsetzung ein neuer Leitfaden des BiBB zur Schornsteinfeger-Ausbildungsordnung erstellt werden. Diesen Leitfaden sehe ich für absolut wichtig an!

Und wenn dies geschafft ist, haben wir dann wohl einige Zeit Ruhe, oder?

Andreas Brieske: Schön wäre es! Mit der Novellierung der Meisterprüfungsverordnung liegt schon der nächste große Brocken vor uns. In den Diskussionen dazu werden sicherlich auch alte Berührungsängste angrenzender Gewerke wieder von neuem starten. Die Überarbeitung duldet jedoch keinen Aufschub und man sollte möglichst zeitnah damit beginnen.

Vielen Dank, lieber Andreas, für das interessante Gespräch und Dir weiterhin alles Gute!

(akra)

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