09.07.2012: Exklusivinterview mit einem russischen Schornsteinfeger

Learning by doing

Moskau Wir befinden uns in einem kleinen Bürozimmer im Erdgeschoss eines modernen Bürohauses im Süden Moskaus und sind sehr froh über die Klimaanlage und die kalten Getränke, die uns der freundlich blickende Mann reicht. Es ist Alexander Matwejew (40), der hier seit Anfang der 1990er Jahre Schornsteinfeger-Dienstleistungen anbietet. Mittlerweile zählt sein mittelständiger Betrieb gut zwanzig Mitarbeiter, mit denen er sich auf dem Moskauer Markt behauptet. Die Konkurrenz in der 10,5 Millionenstadt ist mit zehn Schornsteinfegerfirmen überschaubar.

Da jedoch nur gut 5 % der Moskauer Gebäude mit festen Brennstoffen beheizt werden, bietet Alexander seinen Kunden neben den reinen Kehrarbeiten auch Sanitär-, Kanalisierungs-, Dachdecker- und Lüftungsarbeiten an. Er ist somit recht vielseitig aufgestellt, was aber auch die einfache Umsetzung bedingt, sind seine Arbeiten doch allesamt keine Ausbildungsberufe und es gilt das Motto „learning by doing“. So kam auch Alexander zum Schornsteinfegerberuf.

In seiner Kindheit verbrachte Alexander vier Jahre in Deutschland, wo sein Vater, ein Lehrer in Berliner Kasernen unterrichtete. Auch Alexander ist von Haus aus Sportpädagoge. Zum Schornsteinfegen kam er, als er beim eigenen Hausbau und dem Installieren von Schornstein und Feuerstätte so viele Fehler beging, dass sein Haus infolgedessen abbrannte. Auch hätte er vielleicht zuvor ab und an den Schornstein reinigen müssen, um den brennbaren Ruß zu entfernen. „Da dachte ich mir, das muss einfach besser gehen“, so Matwejew. Er erlernte somit selbst die Anforderungen des Brandschutzes und die Fähigkeit des Schornsteinreinigens mit unterschiedlichen Kehrgeräten. Danach gründete er seinen Betrieb und erhielt eine Lizenz vom zuständigen Ministerium für außerordentliche Angelegenheiten. Auf unsere Frage hin, welche Anforderungen dafür gelten, lächelt Alexander nur und bittet darum, keine Antwort geben zu müssen. Man kann sich so seinen Teil zu den Vergabekriterien in Russland denken …

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Heute ist Alexander mit seinem Betrieb recht erfolgreich und bildet sogar selbst aus. Man muss in diesem Zusammenhang wirklich das deutsche Handwerkssystem aus dem Kopf verbannen, um Alexander nicht weiter kopfschüttelnd zuzuhören. Er erzählt uns, dass er seine heutigen Lehrlinge gleich zu Beginn der Ausbildung in ein Ausbildungszentrum schickt, wo sie 2-3 Monate theoretisches Grundwissen erlernen müssen. Im Anschluss an die Prüfung erfolgt eine 8-9-monatige Praxiszeit in Matwejews Schornsteinfegerbetrieb. Er selbst prüft dann die Auszubildenden und stellt ihnen nach bestandener Prüfung ein Diplom aus. „Selbstverständlich können sie sich danach noch weiter spezialisieren, um mehr Gehalt zu bekommen“, betont Alexander, „aber direkt nach der Ausbildung erhalten sie zunächst 45.000 Rubel“, was ungefähr 1.100 Euro entspricht.

Zusammenschlüsse, wie Schornsteinfegerverbände, Innungen oder Handwerkskammern gibt es in Russland kaum bis überhaupt nicht. Moskau selbst verfügt hingegen über eine Handwerkskammer, in der Alexander allerdings kein Mitglied ist. Man will schließlich nicht die eigene Konkurrenz stärken.

Die zahlreichen Diplome an der Wand seines kleinen Büros zeugen von einem hohen Qualitäts- und Bildungsbewusstsein, worauf er sehr stolz zu sein scheint. Eines davon unterstreicht sogar, dass sein Betrieb nach ISO 90001 zertifiziert ist. Gut 7.500 Rubel (183 Euro) habe dieses Zertifikat gekostet, so der Russe. Wir vermeiden es jedoch, weiter auf den Erwerb und die Anforderungen dieser Diplome einzugehen.

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Wir sind vielmehr überrascht, dass der russische Staat doch mehr Vorgaben und Auflagen zur Verhinderung von Schornsteinbränden macht, als zunächst vermutet. So gibt es durchaus eine russische Kehr- und Überprüfungsordnung, die den Eigentümern eine regelmäßige Schornsteinreinigung in vorgegebenen Intervallen verordnet. Erlassen hat diese russische KÜO ebenfalls das Ministerium für außerordentliche Angelegenheiten.

Eigenverantwortlich darf sich der Eigentümer dann einen Schornsteinfegerbetrieb seiner Wahl aussuchen und diesen beauftragen. Staatsbedienstete kontrollieren dann stichprobenartig via Brandinspektion, ob die Eigentümer ihrer Verpflichtung auch nachgekommen sind. Ansonsten hagelt es saftige Strafen: Von der erstmaligen Verfehlung von 150.000 Rubel (3.663 Euro), über 350.000 Rubel (8.548 Euro) im Wiederholungsfall, bis zur Höchststrafe von 750.000 Rubel (18.318 Euro) beim dritten Vergehen. Sollten diese deftigen Summen immer noch nicht geholfen haben, eine gut 12.000 Rubel (293 Euro) teure Schornsteinreinigung zuzüglich Fahrtkosten durchführen zu lassen, werden sogar Gefängnisstrafen von 90 Tagen verhängt. Bei Verstößen kennt der russische Staat bekanntlich keine Gnade und so wird zumeist der Schornsteinfeger mit der Reinigung beauftragt.

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Gekehrt wird mit flexiblen Kehrhaspeln vom Dach aus, die Alexander von einer finnischen Versandfirma bezieht. Es kommt aber auch vor, dass er ab und an Kehrgeräte selbst herstellen muss, wenn diese nicht erhältlich sind, erklärt er uns. Schornsteinfegerarbeiten dürfen im Übrigen nach Staatsvorgaben nur von mindestens zwei Personen gleichzeitig durchgeführt werden, betont Alexander. Das hat nämlich arbeitsschutzrechtliche Gründe, denn in Russland sucht man vergeblich nach sicheren Laufanlagen, Trittrosten oder ähnlichem auf den Dächern. So muss immer eine Person mit Seilen und Gurten sichern, während die andere die Kehr- und Überprüfungsarbeiten durchführt. Zum Einsatz kommen dann aber nicht nur herkömmliche Kehrgeräte, sondern auch eine Videokamera, um Mängel des Schornsteins zu erkennen, erklärt Alexander mit Stolz. Auf Wunsch führt seine Firma auch CO-Messungen durch, wo sogar ein uns bekanntes deutsches Messgerät zum Einsatz kommt. Jedoch sieht dieses noch sehr jungfräulich aus, was uns vermuten lässt, dass nicht viele Hausbesitzer diese Messungen wirklich in Anspruch nehmen.

Leider gibt es in Russland, anders als in anderen Ländern, keinerlei Tradition im Schornsteinfeger-Handwerk. Das zeigt sich auch in der Berufskleidung. So legt man zwar Wert auf durchtrittsichere Arbeitsschuhe und robuste Kleidung, nicht jedoch auf eine einheitliche Art und Form der Arbeitskleidung. Einen schwarz gekleideten Schornsteinfeger, mit goldenen Knöpfen und einem Zylinder auf dem Kopf wird man in ganz Russland nicht finden. Alexanders Mitarbeiter z.B. tragen dunkelblaue und graue Arbeitskleidung. Er selbst kennt die europäische traditionelle Arbeitskleidung und wirbt sogar auf seinen gelben Flyern mit einem traditionell schwarz gekleideten Schornsteinfeger darauf, der lässig mit seinem Kehrgerät an einer Leiter lehnt. So unterschiedlich sind nun mal Anspruch und Wirklichkeit in Russland und das nicht nur in Bezug auf die Arbeitskleidung.

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Für uns war dieses Gespräch äußerst interessant und aufschlussreich und es freut uns, dass Alexander Matwejew sehr an einem weiteren Kontakt und Austausch interessiert ist. Das Schornsteinfeger-Handwerk in Russland steckt noch in den Kinderschuhen, aber wir werden mit Spannung die weitere Entwicklung in Russland beobachten. Ob diese wie in den USA in den letzten Jahren verlaufen wird, bleibt abzuwarten.

(akra)

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