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Leitartikel

Faire Prüfungen

Mathias Kazek /

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, nachdem wir die Entlohnung der Arbeitnehmer durch den Bundestarifvertrag im Schornsteinfegerhandwerk gerechter gestalten konnten, passt die Kampagne „Wir wollen’s FAIR“ aber in manch anderen Bereichen immer noch sehr gut.

Die Handwerks- und Prüfungsordnungen geben in vielen Gebieten paritätische Besetzungen vor. Wenn man nach diesem Begriff im Internet sucht, findet man Definitionen wie „die relevanten Interessengruppen sind zahlenmäßig ausgewogen vertreten“.

Ob in der Handwerkskammervollversammlung, den Innungssatzungen, im Gesellenprüfungsausschuss oder im Meisterprüfungsausschuss. Überall ist eine Besetzung aus verschiedenen Vertreterkreisen geregelt. In z.B. der Vollversammlung geht es im Kern um das Mitspracherecht und die Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Vielmehr möchte ich aber auf die zahlenmäßig ausgewogene Besetzung in den Gesellenprüfungsausschüssen eingehen. Denn hier geht es nicht nur um das Mitspracherecht von Arbeitnehmervertretern. Im Prüfungsausschuss soll die vorgesehene Besetzung eine faire Bewertung der Prüflinge sicherstellen.

Ich möchte zum Einleiten einmal ein persönliches Beispiel nennen. Über vier Jahre hinweg habe ich im Fach Biologie laut meinen Zeugnissen ausreichende Leistungen erbracht. Kaum findet ein Lehrerwechsel statt, verbessert sich diese Note kontinuierlich in einen guten Bereich. Und das, obwohl die Noten aus Schulzeiten hauptsächlich durch schriftliche Prüfungen zusammengesetzt werden. Sicher hatte jeder von euch schon einmal das Gefühl, aus persönlichen Empfindlichkeiten anders behandelt zu werden. Sei es bei Teil 4 der Meisterprüfung oder bei der praktischen Führerscheinprüfung.

Menschen sind leider nun einmal voreingenommen und es muss ja auch nicht jeder mit jedem klar kommen. Lehrer, die vorher über meistens 3 Jahre mit den Prüflingen zu tun haben, aber auch Arbeitgebervertreter und ebenso zähle ich uns Arbeitnehmervertreter dazu, die die unterschiedlichsten Einstellungen zu den Prüflingen selber und vielleicht auch zu den ausbildenden Betrieben haben. Auch wenn es die meisten nicht gerne zugeben, fällt das persönliche Empfinden sicher immer unbewusst mit in die Wertung ein. Gerade bei mündlichen und praktischen Prüfungen.

Mit dem Hintergrundwissen, welches ich durch die ZDS-Tätigkeit und das Mitwirken im Prüfungsausschuss erlangt habt, ärgere ich mich heute wahnsinnig, dass mir die neutrale und faire Bewertung meiner Gesellenprüfung verwehrt wurde, obwohl diese sogar vorgeschrieben ist. Und genau dieselbe Problematik haben wir aktuell immer noch bei der Prüfung. Die Gesellenprüfung und die diesbezügliche Bewertung ist für jeden beruflichen Werdegang sehr wichtig. Es geht um euren Gesellenbrief und die Berechtigung, in unserem Handwerk zu arbeiten! Die Bewertung der Leistungen an den Prüfungstagen wird jeder Bewerbung um einen neuen Job oder aber für weiterführende Bildungsmaßnahmen beiliegen. Dieser Eindruck der Prüfer begleitet unseren Nachwuchs ihr restliches Leben.

Als ZDS streben wir an, dass jeder Azubi von zwei Prüfern durch die Gesellenprüfung begleitet wird, wie es nun mal vorgeschrieben ist. Dies lässt eine Beratung untereinander zu und bei Unstimmigkeiten wird der Mittelwert der zwei Meinungen wohl der fairste Weg sein.

Auch wenn sich die praktische Prüfung eben genau so nennt, ist bei uns allgemein bekannt, dass diese bei Schornsteinfegern doch sehr mündlich abläuft. Das liegt einfach daran, dass es nicht reicht, dass die Prüflinge z.B. eine Dachhälfte mit 3 verschiedenen Ziegelarten decken und die Prüfer das Ergebnis bewerten können. Bei uns kommt es nach wie vor auf sehr viel Hintergrundwissen an. Aus demselben Grund ist die Prüfung zum Schornsteinfeger auch umfangreicher als in den meisten anderen Handwerksberufen. In anderen Handwerken stellen die Azubis parallel/gleichzeitig Gesellenstücke her, die im Nachgang von nur einem Prüfungsausschuss bewertet werden können, da hauptsächlich das Ergebnis entscheidend ist.

Um die Leistungen eines Schornsteinfegerazubis beurteilen zu können, ist es notwendig, stets jeden Handschlag und Kommentar zu seinem Hintergrundwissen mitzubekommen.

Nachvollziehbarerweise bedeutet dies Mehraufwand, eine höhere Anzahl an ehrenamtlichen Prüfern, in einer Zeit, in der man um das Ehrenamt kämpfen muss und auch Mehrkosten. Ich bin überzeugt, dass die Berufsverbände die Problematik der fehlenden Prüfer aus der Welt schaffen können und werden. Bleiben also noch die Mehrkosten, die aus meiner Sicht nicht rechtfertigen, dass man mit Wegschauen darauf verzichten kann. Natürlich beschwert sich kein Prüfling. Die meisten wissen es einfach nicht besser. Ich wusste es zu Gesellenprüfungszeiten auf jeden Fall nicht besser.

Unser Nachwuchs hat eine faire, objektive und neutrale Beurteilung der Gesellenprüfungsleistungen verdient. Wenn dies Mehraufwand verursacht, gehört das eben dazu, auch wenn das am Ende ganz sicher Mehrkosten für die Prüfung und somit für die ausbildenden Betriebe bedeuten wird.

Mit kollegialen Grüßen Mathias Kazek

Innovationszentrum Schornsteinfegerhandwerk

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