November 2017: Denken in alten Strukturen?

David Villmann

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

denken wir eigentlich nach fast fünf Jahren in der freien Marktwirtschaft noch immer in alten Monopolstrukturen?

Als Schornsteinfeger haben wir uns nie mit betriebswirtschaftlichem Denken auseinandergesetzt. In der Gesellen- und Meisterausbildung wurde und wird immer noch gelernt, wie Gebühren richtig zusammenzustellen sind, und nicht, wie Dienstleistungen richtig kalkuliert werden. Dies war in Zeiten des Monopols nicht nötig, denn Arbeitskreise unter Teilnahme der zuständigen Ministerien haben die Gebührensätze bestens kalkuliert. Deshalb warten viele Schornsteinfegerbetriebe noch heute auf eine Gebührenerhöhung durch das Bundeswirtschaftsministerium, um eine Argumentationsgrundlage für die Preiserhöhung der freien Tätigkeiten zu besitzen. Des Weiteren denken wir in festen Kehrbezirksstrukturen: ein Arbeitgeber, ein Arbeitnehmer und eventuell noch ein Auszubildender. Mein Kehrbezirk hat auch nicht mehr Arbeit.

Das gilt aber nicht für ein Schornsteinfegerhandwerk ohne Nebentätigkeitsverbot. Genau hier müssen wir den großen Vorteil der freien Marktwirtschaft nutzen. Aber warum nutzen dies nur wenige Betriebe? In vielen Gesprächen, die ich mit Arbeitgebern führte, war das Ergebnis immer dasselbe: „Wenn die Büroarbeit nicht wäre, hätte ich auch genügend Zeit, um zu agieren, anstatt nur zu reagieren in meinem Betrieb.“ Genau hier gilt es anzusetzen und betriebswirtschaftlich zu denken. Schornsteinfeger, egal ob Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, sind zu teuer, um Rechnungen einzutüten, den ganzen Tag für Terminverschiebungen erreichbar zu sein, die Buchführung zu übernehmen oder durch den Kehrbezirk zu fahren, um „Reste“ anzumelden. In dieser Zeit können weit größere Umsätze mit Nebentätigkeiten erzielt werden, als für Fachkräfte im Büro ausgegeben werden muss. Der Nebeneffekt ist noch ein anderer. Wir haben neben dem betriebswirtschaftlichen Denken auch nie gelernt, Bürotätigkeiten auszuführen, sondern uns für einen kundennahen Handwerksberuf entschieden. Sowohl in der Ausbildung als auch im Meisterprüfungsvorbereitungslehrgang durften wir nur dürftiges Wissen über das Thema Büro lernen, das uns praktisch aber nicht weiterhilft. Spitzenfunktionäre im Arbeitgeberverband machen es vor und holen sich Hilfskräfte für das Büro, um weiteren Dienstleistungen und Tätigkeiten nachzugehen, und sind damit sichtlich zufrieden. Allerdings erzählen sie nicht von den positiven Aspekten. Als ZDS haben wir deshalb einen Partner mit KLIP – Büroservice für das Schornsteinfegerhandwerk – gefunden, der diesen Aufgaben gerecht wird.

Ein weiterer Punkt ist die Gewinnung neuer Kunden. Durch die gesetzlichen Vorgaben mussten wir nie verkaufen, sondern nur die vorgegebenen Richtlinien ausführen. Ein Verkaufsgespräch führen und Kunden von seinen Produkten zu überzeugen, einen ordentlichen und modernen Internetauftritt zu besitzen oder mit gezielten Werbemaßnahmen Kunden zu gewinnen, muss denselben Bestandteil unseres Lernens haben wie alle anderen Aufgaben. Ein wichtiger Schritt für die Zukunft des Handwerks wäre, dies endlich in allen Schulen der Gesellen- und Meisterausbildung umzusetzen. Laut Rahmenlehrplan ist dies sogar verpflichtend, doch nur wenige Weiterbildungsanbieter haben dies vollumfänglich umgesetzt. Der ganze Rest des Schornsteinfegerhandwerks muss sich dieses Wissen aber hart erarbeiten. Denn wenn wir nicht in der Lage sind, uns Freiräume für neue Dienstleistungen zu schaffen, richtig zu kalkulieren, betriebswirtschaftlich zu denken und alles richtig zu vermarkten, nützt uns die beste handwerkliche Aus- und Weiterbildung herzlich wenig.

Würde unser Sozialpartner sich mit diesen Themen beschäftigen, würde er relativ schnell feststellen, dass eine Lohnerhöhung von 6 % in den alten Bundesländern den Endkundenpreis um nur ca. 1,60 € erhöhen würde und der Ost-West-Angleich inklusive einer Lohnerhöhung von 6 % den Endkundenpreis der neuen Bundesländer um nicht mal 5,00 € anhebt. Als Schornsteinfegergeselle würde ich diese Preise liebend gerne beim Kunden verkaufen – so wie die Lohnerhöhungen der Arbeitgeber in den letzten Jahren auch.

Euer David Villmann
Vorstand Finanzen/Verwaltung

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