Die erste Frau im Vorstand
Liebe Kolleginnen und Kollegen, mein Name ist Juliane Schröder, ich bin die neue Regionalsekretärin des ZDS-Regionalverbandes Südwest und die erste Frau, die an die Spitze eines Regionalverbandes beim Zentralverband Deutscher Schornsteinfeger (ZDS) gewählt wurde.
Als 25 Jahre junge Meisterin ist es mir eine besondere Ehre und Freude, das Team im Zentralvorstand zu erweitern und mitzugestalten. Das Amt der Regionalsekretäre ist eine Berufung, für die ich mich ganz bewusst entschieden habe – mit dem Wissen, dass dies Verantwortung und Teamgeist erfordert.
In meinem neuen Amt übernehme ich unter anderem das Referat Presse & Öffentlichkeit, weil ich Kommunikation als eine der wichtigsten Notwendigkeiten der heutigen Zeit feststelle. Ein respektvoller Umgang in der Arbeitswelt und ein angemessener Umgang mit Medien haben für mich hohe Priorität. Ebenfalls ist mir Klarheit gegenüber unseren Mitgliedern wichtig, vor allem in Bezug auf die Zukunft in unserem Handwerk. Ich möchte Frauen ermutigen, sich ebenfalls für das Handwerk zu engagieren, und so ein klares Zeichen setzen, dass unser Schornsteinfegerhandwerk mit der Zeit geht.
Den ersten Schritt haben wir bereits geschafft: Frauen sind seit Januar 2023 paritätisch im Vorstand des ZDS vertreten. Rund 12 % beim ZDS sind weibliche Mitglieder. So sind im Zentralverbandsvorstand des ZDS jetzt Frauen mit 12,5 % paritätisch vertreten und bestimmen in diesem Gremium aktiv mit.
Trotz allem ist es zu bedauern, dass dies ein Novum ist. Ein Frauenanteil z.B. beim Zentralinnungsverband (ZIV) ist nicht gegeben. Es gibt weder eine Landesinnungsmeisterin noch gibt es eine Obermeisterin. So wird – obwohl es auch weibliche Bevollmächtigte gibt – die gesamte Arbeitgebervertretung von Männern dominiert. Dies ist auf Führungsebenen keine Seltenheit: Deutschland liegt im EU-weiten Durchschnitt auf Platz 20 der 27 Mitgliedsstaaten, nur jede dritte Führungskraft ist weiblich. Als Vorreiter gilt Lettland mit einem Frauenanteil von knapp 50 %.
Es wundert mich, dass heutzutage, wo „Work-Life-Balance“ und Digitalisierung eine wesentliche Rolle spielen, Frauen immer noch unter dem Radar leben. Dabei gibt es in der Bundesrepublik mehr Frauen (51 %) als Männer. Was können wir dazu beitragen, dass unser Handwerk für alle attraktiv erscheint und zukünftig somit noch attraktiver wird?
Dabei geht es mir nicht um eine Quote, denn es hat offensichtlich einen Grund, weshalb Frauen nicht in Erscheinung treten. Gewisse Rahmenbedingungen und Strukturen führen offensichtlich dazu, dass sich Frauen gegen Vorstandsarbeit entscheiden und gegen eine Führungsposition.
Das Zitat „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“ bedeutet auch heute noch, dass der Mann sich um die Karriere kümmert, während die Frau ihm den Rücken freihält, und dies ist keinesfalls obsolet. Es zeigt allzu deutlich, dass sich an der Rollenverteilung bis heute wenig verändert hat. Frauen entscheiden sich statistisch gesehen seltener für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und sie sind heute immer noch die Adressatinnen für Haushalt und Kinderbetreuung. Sie sehen sich seltener in Führungspositionen und sind meist zurückhaltend, wenn sie ihren Standpunkt vertreten. Frauen sind oftmals selbstkritischer. Man nennt dies auch das Hochstaplersyndrom, das unbegründete Gefühl, dass man nicht qualifiziert genug für den Beruf ist. Frauen sollten sich ruhig ihrer Stärken bewusst sein!
Im Schornsteinfegerhandwerk sind bereits viele Weichen gestellt: Wir erhalten denselben Lohn, unser Beruf ist vielseitig und flexibel. Viele Landesgruppensprecherinnen und Bezirksgruppenvorsitzende in unserer Gewerkschaft machen einen richtig guten Job! Angebote, wie Schulbesuche oder der „Girls’ Day“ an Schulen, der es Mädchen ermöglicht, einmal bei typischen Männerberufen zu schnuppern, sind ebenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. Wir werden uns dieser Aufgabe stellen müssen, wenn wir dem Fachkräftemangel entgegenwirken wollen und als zukunftsorientiert wahrgenommen werden möchten.
Eure
Juliane Schröder