„Drill, Baby, drill!“
Derzeit erleben wir einen völlig grotesken Wandel auf der Welt. Im Gespräch zwischen Alice Weidel von der AfD und dem reichsten Menschen der Welt, Elon Musk, heißt es, Hitler sei links gewesen, der Nationalsozialismus kommunistisch. Im Hinblick auf die Opfer des NS-Regimes eine zutiefst zynische, politisch irreführende und infame Aussage. Gleichzeitig zeigt Musk bei der Vereidigung von Donald Trump einen Hitlergruß – ein Versehen? Ausgeschlossen. Nach kaum einem Tag im Amt unterzeichnet Trump den Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen, während er nur wenige Tage zuvor laut überlegte, Grönland und Kanada kaufen zu wollen. Neben den gigantischen Ölvorkommen unter Grönlands Eis lockt vor allem die strategisch günstige Lage. Mit den Worten „Drill, Baby, drill!“ verdeutlicht Trump zudem, dass er seine Prioritäten klar setzt: Klimaziele und Vorbildfunktion ade. Diesem Richtungswechsel könnten viele andere Nationen folgen.
Auch in Deutschland zeichnen sich besorgniserregende Tendenzen ab: Einige Parteien kündigen in ihren Wahlkampfprogrammen an, das Gebäudeenergiegesetz (GEG) rückgängig machen zu wollen und ein bisschen mehr „Musk“ zu wagen. Für das Schornsteinfegerhandwerk hört sich das nach einer fantastischen Lösung an: weiterhin Öl und Gas, weniger lästige Gespräche, in denen wir unserer Kundschaft erklären müssen, dass die Heizung bald raus muss.
Liebe Leserinnen und Leser, wir stehen an einer Kreuzung, an der jeder von uns eine Entscheidung treffen muss – zwischen dem, was richtig ist, und dem, was bequem ist. Als Handwerk haben wir uns auf die Farben Rot (Brandschutz), Gelb (Sicherheit), Blau (Umweltschutz) und Grün (neutrale Beratung) geeinigt, Farben, die verdeutlichen sollen, dass wir nicht aus Profit agieren, sondern eine neutrale und beratende Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Es ist eine der Stärken unseres Handwerks, die ich so schätze. Wenn wir diese Rolle aufgeben, verraten wir uns selbst.
Und auch der ZDS bleibt seiner Rolle als Fachverband und Gewerkschaft treu: Er war seit jeher ein Verband, der dynamisch, solidarisch und fortschrittlich agiert hat – nicht um des Fortschritts willen, nicht um Arbeitgeber zu ärgern und auch nicht, um Traditionen um jeden Preis zu über Bord zu werfen, sondern um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger nachhaltig zu verbessern und unser Berufsbild zukunftssicher zu gestalten.
Wir erachten es deshalb für wichtig, einen Beitrag zur Arbeitssicherheit, zu fairer Bezahlung und zu Tätigkeiten auch nach 2045 zu generieren. Unser Ziel ist es, dass das Handwerk weiterhin prosperiert und von gut ausgebildeten Fachkräften profitiert. Doch stattdessen erleben wir, wie unser Sozialpartner, der Zentralinnungsverband (ZIV), versucht, den ZDS mit allen Mitteln in eine Ecke zu drängen. Mit der unbegründeten Behauptung, wir würden dem Handwerk schaden, wird versucht, unsere Positionen zu delegitimieren. Doch welche Vorteile hätten wir, die Betriebsinhaber von morgen, davon? Es ist offensichtlich, dass der ZIV unsere berechtigten Bedenken zur Schornsteinfegernovelle nicht akzeptiert und mit aller Macht unsere Meinungen untergraben will. Aber wir müssen den ZIV leider enttäuschen, der ZDS ist kein Juniorpartner der Innungen – und wird es auch nie sein.
Die Vorgehensweise der Innungen ist dabei oft alles andere als sozial. Beispielhaft sei genannt, dass ehrenamtliche Funktionäre des ZDS von den nach Bundestarifvertrag geregelten Tarifschulungen ausgeschlossen werden. Gerade in einer Zeit des Fachkräftemangels ist dieses Verhalten unverantwortlich. In Baden-Württemberg werden neuerdings Azubiveranstaltungen bewusst ohne den ZDS organisiert, um den Zugang zu den Auszubildenden zu verhindern. Auf vielen Innungsveranstaltungen wird man nicht mal mehr eingeladen, was seit jeher zum guten Ton gehörte. Und während dem Vorsitzenden des ZDS vorgeworfen wird, alleiniger Entscheider einer ganzen Gewerkschaft zu sein, hört man zunehmend in Gesprächen mit Arbeitgebern und Innungsfunktionären, dass das ja nicht die eigene Entscheidung sei, sondern von „oben“ komme.
Die Getriebenen sitzen in den Vorständen der Innung und (fast) keiner traut sich aufzustehen. Doch Bequemlichkeit führt selten zu nachhaltigen Lösungen. Die großen Herausforderungen unserer Zeit – vom Fachkräftemangel bis zur Modernisierung unseres Berufsbildes – erfordern Mut, Visionen und eine konstruktive Zusammenarbeit. Ein Bundestarifvertrag ist hierfür die Basis. Der ZIV sollte als Vorbild agieren.
Der ZDS setzt sich für einen Bundestarifvertrag ein, weil dieser eine essenzielle Grundlage für gerechte Arbeitsbedingungen, angemessene Bezahlung und eine klare Perspektive für die nächste Generation von Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfegern bildet. Ein Tarifvertrag schafft Verbindlichkeit und Schutz – für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen. Nur durch solche Rahmenbedingungen können wir sicherstellen, dass unser Handwerk auch in Zukunft attraktiv bleibt und sich den Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft anpasst.
Lasst uns gemeinsam für die Werte einstehen, die unseren Beruf seit jeher auszeichnen: Verantwortung, Solidarität und Fortschritt. Es liegt an uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen – für das Handwerk, für die Zukunft und für uns alle.