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Leitartikel

Früher war nicht alles besser – sondern anders

Max Weber
Max Weber /

„Früher war alles besser!“ – ein Satz, der regelmäßig fällt, wenn Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger zusammensitzen. Meistens folgt dann eine Geschichte von meterhohem Ruß, eisigen Dächern, klapprigen Leitern oder Kunden, die einen noch mit Kaffee und Kuchen empfangen haben.Und natürlich steckt in diesen Erinnerungen viel Wahres. Früher war unser Handwerk anders. Aber besser? Das kommt darauf an, wen man fragt.

Wer heute seine Messergebnisse digital erfasst, Termine per Smartphone verwaltet und mit moderner Messtechnik arbeitet, vergisst manchmal, wie der Arbeitsalltag vor einigen Jahrzehnten aussah. Da wurden Berichte noch von Hand geschrieben, Unterlagen in dicken Ordnern abgelegt und viele Informationen im Kopf gespeichert. Wenn etwas gesucht wurde, half oft nur eines: lange suchen.

Auch die Arbeit auf den Dächern hatte damals wenig mit dem zu tun, was wir heute unter Arbeitsschutz verstehen. Absturzsicherungen, moderne Schutzkleidung oder detaillierte Sicherheitsvorschriften? Vieles davon gab es entweder gar nicht oder nur in sehr eingeschränkter Form. Manche Kollegen erzählen heute mit einem Lächeln von ihren Erlebnissen. Damals war das allerdings oft weniger lustig als gefährlich.

Und dann ist da noch die berühmte „gute alte Zeit“, in der angeblich alles unkomplizierter war. Sicher, die Zahl der Vorschriften war geringer. Dafür war vieles Auslegungssache. Informationen bekam man nicht per Mausklick, sondern über Fachbücher, Lehrgänge oder erfahrene Kolleginnen und Kollegen. Wer eine Frage hatte, musste jemanden kennen, der die Antwort wusste.

Auf der anderen Seite gab es Dinge, die viele vermissen. Die persönliche Bindung zu den Kunden war häufig enger. Man kannte sich im Kehrbezirk oft über Jahrzehnte. Der Schornsteinfeger war nicht nur Fachmann, sondern manchmal auch Kummerkasten und Neuigkeitenbörse in einer Person. Wer heute unterwegs ist, merkt jedoch schnell: Auch heute schätzen viele Menschen den direkten Kontakt und das persönliche Gespräch.

Was oft vergessen wird: Viele Verbesserungen, die wir heute als selbstverständlich ansehen, sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Bessere Arbeitsbedingungen, mehr Sicherheit, soziale Absicherung, geregelte Arbeitszeiten und Arbeitnehmerrechte wurden über viele Jahre hinweg erarbeitet und erkämpft. Nicht selten waren es Gewerkschaften, engagierte Kolleginnen und Kollegen sowie starke Interessenvertretungen, die diese Entwicklungen vorangetrieben haben.

Deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn wir die Vergangenheit durch die rosarote Brille betrachten. Jede Generation blickt gerne auf ihre besten Erinnerungen zurück. Niemand erinnert sich beim Gedanken an „früher“ zuerst an Rückenschmerzen vom Schleppen schwerer Ausrüstung, an fehlende Sicherheitsstandards oder an Arbeitszeiten, die heute kaum noch vorstellbar wären.

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Früher gab es Dinge, die gut waren. Heute gibt es Dinge, die besser sind. Und morgen wird es wieder neue Entwicklungen geben, über die die nächste Generation diskutieren wird.

Vielleicht sitzen in dreißig Jahren junge Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger zusammen und hören von den „alten Hasen“, wie man früher noch selbst auf die Dächer gestiegen ist, anstatt Drohnen die Erstinspektion durchführen zu lassen. Vielleicht werden sie dann schmunzeln und sagen: „Das muss damals ganz schön anstrengend gewesen sein.“

Und wahrscheinlich wird dann wieder jemand antworten: „Ja, aber früher war alles besser!“

Wir wissen es dann hoffentlich besser. Früher war nicht alles besser. Früher war vieles anders. Und genau deshalb lohnt es sich, mit Respekt auf die Vergangenheit zu blicken, ohne dabei die Chancen der Gegenwart und Zukunft aus den Augen zu verlieren.

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