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Leitartikel

Unser Handwerk im Wandel: Mut zur Veränderung für eine gute Zukunft

Daniel Fürst
Daniel Fürst /

Der Jahreswechsel ist für viele ein Anlass, sich neue Ziele zu setzen. Die einen wollen weniger Geld ausgeben, die anderen mehr Zeit mit der Familie verbringen. Wieder andere nehmen sich vor, im neuen Jahr abzunehmen, mehr Sport zu treiben oder mit dem Rauchen aufzuhören. Was auch immer die Ziele sein mögen, am Anfang steht meist die entscheidende Frage an sich selbst: Was möchte ich ändern, damit mein Leben besser wird? Diese Frage lässt sich in etwas abgewandelter Form auch auf unser Handwerk übertragen: Was muss sich ändern, damit es unserem Handwerk besser geht oder damit wir in Zeiten wie diesen vorankommen?

Diese Frage zu stellen, ist klug, denn ohne Veränderung wird es unser Handwerk nicht mehr lange geben, zumindest nicht in der gewohnten Weise. Ein Veränderungsprozess ist also unausweichlich, wenn wir eine gute Zukunft haben wollen. Aber wie sieht diese Zukunft aus? Wie wird unser Arbeitsalltag im Jahr 2045 aussehen? Wird sich unsere Arbeitskleidung ändern, wenn wir an Wärmepumpen arbeiten oder Beratungen durchführen? Bleiben wir auch bei modernen Tätigkeiten unserem Koller mit den goldenen Knöpfen treu oder holen wir in Zukunft unsere traditionelle Kleidung nur noch zu besonderen Anlässen aus dem Schrank?

All diese Fragen müssen geklärt werden, denn sie stehen im Raum. Und es muss geklärt werden, wer diese Fragen beantworten soll. Ist es jeder einzelne Betriebsinhaber? Soll der ZDS Antworten auf all diese Fragen geben? Oder ist es Aufgabe der Innungen, den Betrieben eine Richtung zu geben? Ich denke, wir alle sollten uns nicht nur die richtigen Fragen stellen, sondern vor allem sehr schnell Antworten finden und diese mit viel Mut umsetzen. Mut ist übrigens ein wichtiger Faktor. Denn egal, welche Antworten auf uns Schornsteinfeger warten, es braucht Mut und Zuversicht, sie umzusetzen. Egal, welche Veränderungen ein neuer Weg mit sich bringt, einige von uns werden nicht mitgehen können. Sie werden unweigerlich auf der Strecke bleiben. Die Gründe dafür sind vielfältig. Aber eines muss uns klar sein. Wir werden uns von dem Kollektiv des Schornsteinfegers distanzieren müssen, um in der freien Marktwirtschaft wirklich Fuß fassen zu können. Es ist kein Zukunftsmodell, dass alle Schornsteinfegerbetriebe genau die gleichen Tätigkeiten anbieten und diese auch noch genau so ausführen, wie es uns in den Arbeitsblättern vorgeschrieben wird. Es wird mehr Individualismus gelebt werden müssen, wenn sich Schornsteinfegerbetriebe im freien Markt gegen andere Branchen behaupten wollen. Klar konnte man einheitliche Standards im Monopol sehr gut umsetzen. Und nach wie vor gibt es auch viele Vorteile für einheitliche Arbeitsweisen. In der freien Marktwirtschaft jedoch ist ein kollektives Vorgehen wie zu Monopolzeiten eher hinderlich. Die Betriebe müssen sich nach ihren individuellen Stärken entwickeln können. Und vor allem müssen die Verantwortlichen in den Innungen, aber auch jeder Einzelne ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass dies der richtige Weg ist, wenn wir auch ohne fossile Brennstoffe eine gute Zukunft haben wollen.

Das Erschreckende an unserer heutigen Situation ist, dass wir uns noch nicht wirklich auf den Weg in eine gute Zukunft gemacht haben. Zu viele von uns trauern immer noch dem Monopol nach. Wir hängen an unseren Kehrbezirken, an den Arbeitswerten, an den Einzelbetrieben und an den hoheitlichen Tätigkeiten. Wir sind nicht bereit, etwas aufzugeben, um Neues zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Viel lieber würden wir alles so lassen, wie es ist. Und das Neue? Ja, das Neue sollen dann die Jüngeren machen. Das sagen mir zumindest viele Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich spreche. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, geht es uns allen ein bisschen so. Denn wer mag schon Veränderungen?

Die Frage nach unserer Zukunft wird allzu oft mit Floskeln beantwortet. Eine der bekanntesten hat sicher jeder von uns schon einmal gehört: Die zukünftigen Tätigkeiten des Schornsteinfegers werden im Bereich Energie, Brandschutz und Lüftung liegen. Wobei bei dieser Aussage im Nachhinein immer betont wird, dass bis dahin auch die klassischen Tätigkeiten erledigt werden müssen. Diese Antwort auf die Frage nach den zukünftigen Tätigkeiten ist so nichtssagend, als gäbe es gar keine Antwort. Der normale Schornsteinfeger braucht etwas mehr Informationen darüber, wie er in naher Zukunft Umsatz generieren kann. Er braucht einen genauen Fahrplan, welche Fortbildungen zu besuchen sind, wie eine Marktanalyse im eigenen Bezirk durchgeführt werden kann, wie das Ganze mit der Werbung funktioniert, wie die Kosten kalkuliert werden können, und er braucht für all das auch genügend Fachkräfte. Aber Fachkräfte fallen leider nicht vom Himmel. Und auch wenn wir in diesem Jahr überdurchschnittlich viele Auszubildende im ersten Lehrjahr verzeichnen können, ist das nur eine Momentaufnahme und löst den Fachkräftemangel noch nicht in Gänze. Die hohe Zahl neuer Ausbildungsverträge hätten wir schon in den letzten Jahren haben müssen. Und wenn mit unseren Tarifverträgen, die in der Vergangenheit immer für Beständigkeit und Ruhe in den Betrieben gesorgt haben, weiterhin so verantwortungslos wie derzeit umgangen wird, lassen sich garantiert nicht mehr Fachkräfte finden – ganz im Gegenteil! Denn die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer legen großen Wert darauf, durch einen Tarifvertrag zu wissen, wie viel sie verdienen und mit welchen Leistungen sie rechnen können. Mit der Aussetzung der Tarifverhandlungen zeigt der Arbeitgeberverband, wie wenig wir unseren Chefs wert sind. Ein solches Verhalten wird in Zukunft sicher keine neuen Fachkräfte für unseren Beruf begeistern.

Und auch bei der monatelangen Diskussion um die Stellvertreterregelung muss man sich ernsthaft fragen, welchen Nutzen unser Handwerk davon hat, wenn einige Betriebsinhaber ihre angestellten Meister für die Feuerstättenschau einsetzen dürfen, die meisten Betriebe davon aber nicht profitieren. Weder werden dadurch unbesetzte Bezirke besetzt, noch finden wir dadurch mehr Fachkräfte, und schon gar nicht werden dadurch neue Tätigkeiten für unser Handwerk generiert. Hätte man die ganze Energie nur in etwas Zukunftsweisenderes und Sinnvolleres investiert als in die Stellvertreterregelung, dann wäre uns allen mehr geholfen.

Gerne hätte ich in diesem Leitartikel zu Beginn des neuen Jahres etwas Aufmunterndes geschrieben. Etwas, das uns nach vorne bringt, das uns auf eine gute Zukunft hoffen lässt. Aber das ist mir leider nicht vergönnt. Die Performance unseres Handwerks in den letzten Monaten ist leider nicht die beste: Wir haben keine Antworten auf alle Fragen, die uns beschäftigen sollten. Wir haben keinen Tarifvertrag, der uns Sicherheit gibt. Wir haben keine Novellierung des Schornsteinfeger-Handwerksgesetzes. Stattdessen haben wir Unruhe und Streit zwischen den Sozialpartnern, begegnen uns mit Misstrauen, laden uns gegenseitig nicht mehr zu Veranstaltungen ein und schaffen es nicht, die wirklich wichtigen Themen des Schornsteinfegerhandwerks so zu diskutieren, dass wir alle davon profitieren können. Wir als ZDS wollten keine Novellierung des Schornsteinfeger-Handwerksgesetzes. Wir hätten auch noch einige Jahre mit den bisherigen Regelungen leben können. Viel wichtiger als ein novelliertes Schornsteinfeger-Handwerksgesetz wäre eine Diskussion über unsere Zukunft gewesen: Welche Tätigkeiten werden wir ausüben? Wie groß muss ein Schornsteinfegerbetrieb sein, damit er wirtschaftlich arbeiten kann? Ist das Einzelunternehmen die richtige Betriebsform für die Zukunft? Wollen wir zukünftig eher beraten und Dienstleistungen anbieten, die einen Mehrwert für den Kunden haben? Oder kontrollieren wir lieber und schreiben Mängelberichte? Konzentrieren wir uns auf den hoheitlichen oder den freien Bereich? Auf all diese Fragen könnten wir als ZDS Antworten geben. Aber was würde passieren, wenn die Gewerkschaft plötzlich anfängt, die Betriebe auszurichten? Das würde doch zu Chaos führen. Viel lieber würden wir uns mit unserem Sozialpartner über all die Fragen zu unserer Zukunft unterhalten und gemeinsam unser Handwerk gestalten. Dazu braucht es aber vor allem den Willen und die Größe des Sozialpartners, auch unsere Vorschläge ernst zu nehmen und zu akzeptieren, dass auch der ZDS eine eigene Meinung hat und haben darf.

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