Zusammen sind wir stark!
Liebe Kolleginnen und Kollegen,„Zusammen sind wir stark!“ – Das war im Jahr 2022 unser Motto für den Zentralverbandstag und die Tarifrunde. An dieser Aussage ist viel Wahres dran. Vor allem für eine Solidargemeinschaft, wie es der ZDS ist, ist Zusammenhalt eine Grundvoraussetzung für Erfolg.
Interessen lassen sich in einer Gemeinschaft deutlich besser durchsetzen, als wenn jeder sein Glück selbst versucht. Das Grundprinzip der Solidarität durch einen Zusammenschluss gilt in vielen Bereichen unserer Gesellschaft: für die Durchsetzung von Lohnverhandlungen sowie in der Versicherungs- und Finanzbranche. Und auch das demokratische Prinzip basiert auf Mehrheiten, die in der Lage sind, Richtungen vorzugeben.
Doch nicht immer ist es von Vorteil, wenn man gemeinsam an einer Sache arbeitet. Man sollte sich vorher überlegen, aus welchem Grund man mit anderen an einer gemeinsamen Sache festhalten möchte. Und es mag wohl überlegt sein, wer am Ende von einer gemeinsamen Zusammenarbeit profitieren wird.
Momentan sind es sehr turbulente Zeiten für unser Handwerk. Erst vor wenigen Jahren wurde unser Handwerk einem einschneidenden Reformprozess unterzogen. Mit der Einführung des Schornsteinfeger-Handwerksgesetzes (SchfHwG) im Jahr 2008 gab es in unserem Handwerk kein Monopol mehr. Theoretisch stimmt das sogar. In der Praxis hat sich im Vergleich zu den Jahren mit Monopol nur mäßig etwas geändert. Noch aus der Zeit des Reformprozesses heraus wurde über viele Jahre hinweg deutlich zu wenig ausgebildet. Die Betriebe wussten nicht, wo die Reise hingehen soll und ob es für das Schornsteinfegerhandwerk eine Zukunft geben wird. So eine Entwicklung darf in der heutigen Zeit nicht noch einmal geschehen. Die niedrigen Ausbildungszahlen haben sich – bis auf Ausnahmen weniger Jahre – leider bis heute durchgezogen. Wir leiden seit Jahren an einem Fachkräftemangel, den viele aus unserem Handwerk lange Zeit nicht wahrhaben wollten. Und nun wird die nächste große Veränderung für unser Handwerk diskutiert: ein klimaneutraler Gebäudebestand. Für eine kleine Branche wie das Schornsteinfegerhandwerk sind so viele Einflüsse in so kurzer Zeit eine große Herausforderung. Und je turbulenter die Gegebenheiten, umso größer ist der Wunsch aller Berufsangehörigen nach Beständigkeit. Wir verlangen einen Plan, wie unser Handwerk sich verändern kann. Um möglichst viel Sicherheit zu geben, sollte der Plan so konkret wie möglich beschrieben sein. Wie mag die Zukunft des Schornsteinfegerhandwerks aussehen? Auf diese berechtigte Frage gibt es derzeit leider keine Antwort.
Als ZDS haben wir vor einigen Monaten Eckpunkte definiert, wie sich unser Handwerk für die Zukunft aufstellen müsste, um am Markt bestehen zu können. Ob das die Aufgabe einer Gewerkschaft sein sollte, kann jeder für sich beantworten. Unabhängig davon müsste es unserer Ansicht nach zur Bewältigung des Transformationsprozesses mehrere Veränderungen in unserer Branche geben. Für mehr Stabilität braucht es größere Betriebe mit mehreren Beschäftigten. Die Umsätze sollten zunehmend aus Tätigkeiten generiert werden, die nicht durch den Gesetzgeber vorgeschrieben sind. Unser Handwerk braucht Dienstleistungen, zu denen es eine echte Nachfrage gibt, statt weiterhin aufgrund gesetzlicher Vorgaben Prüfungen an Anlagen durchzuführen, die es aller Voraussicht nach im Gebäudebestand bis zum Jahr 2045 nicht mehr geben wird. Wir brauchen dringend mehr Fachkräfte, um all die Herausforderungen meistern zu können, die auf unser Handwerk zukommen werden. Und unser Handwerk muss als Handwerk voller Energieexperten gelten.
Gemeinsam mit unserem Sozialpartner wollten wir die genannten Eckpunkte diskutieren. Unser Ziel war es, eine gemeinsame Zukunft für unser Handwerk zu beschreiben, inklusive vieler Maßnahmen, die zum Ergebnis führen sollen. Den Dialogprozess wollten wir aus dem Wissen heraus, dass wir uns gegenseitig brauchen, gemeinsam beschreiten. Für die Veränderung des gesamten Berufes braucht es sowohl die Betriebsinhaber als auch die Beschäftigten.
Leider wurden wir enttäuscht. Statt die wichtigen Fragen zur Zukunft unseres Handwerks zu diskutieren, schlägt unser Sozialpartner die sogenannte Stellvertreterregelung vor. Eine Idee, die so alt wie das Schornsteinfeger-Handwerksgesetz ist. Mit dieser Regelung sollen hoheitliche Tätigkeiten nicht nur vom bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger persönlich erledigt werden dürfen. Auch angestellte Mitarbeiter sollen diese Tätigkeiten ausführen können. Wie die Idee der Stellvertreterregelung in Gesetzesform aussehen soll, lässt sich derzeit nicht sagen, da es keinen konkreten Gesetzesänderungsvorschlag gibt. Was es jedoch gibt, ist die permanente Aufforderung der Arbeitgeber, dass wir doch gemeinsam unsere Zukunft gestalten sollen. Doch dem damit nicht genug, denn Gestaltungsspielraum lässt der Arbeitgeberverband nur im Rahmen der vorgeschlagenen Vertreterregelung zu. Sollten wir dieser Idee nicht zustimmen, so würde die Zusammenarbeit auch in anderen Bereich sehr schwierig werden, haben uns die ZIV-Vertreter in den Gesprächen gesagt. Das grenzt unserer Auffassung nach an Erpressung, nicht aber an eine gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen den Sozialpartnern.
Als ZDS sind wir jederzeit bereit, zum Wohle unseres Handwerks mit dem Arbeitgeberverband zusammenzuarbeiten, sofern eine Zusammenarbeit ernst gemeint ist und nicht nur gepredigt wird. Eine ernsthafte Zusammenarbeit beruht auf dem Verständnis anderer Positionen des jeweils anderen Verbandes. Nur wenn akzeptiert wird, dass ein anderer Verband eine andere Meinung haben darf, ist es möglich, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Schließt man von vornherein aus, dass eine Gewerkschaft eine andere Meinung vertreten darf, ist die Suche nach Lösungen unmöglich.
Wenn es um die Zusammenarbeit zur Zukunft unseres Handwerks geht, so müssen wir darüber sprechen, wie uns der Transformationsprozess gelingen kann. Stattdessen diskutieren die Arbeitgeber darüber, wie sich bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger ihrer persönlich übertragenen Aufgaben entledigen können. Die Idee der Stellvertreterregelung lehnen wir ab. Das derzeitige Vorgehen bei der vermeintlichen Zusammenarbeit verurteilen wir, da man so nicht miteinander umgeht. Wenn eine Zusammenarbeit gewünscht ist, dann bitte auf Augenhöhe und ohne Erpressung. Wenn wir über Transformation für unser Handwerk sprechen, dann mit Maßnahmen, die wirklich was bewirken und den Weg in Richtung Zukunft zeigen.