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Leitartikel

Zwischen Wandel und Verantwortung – Perspektiven für die Zukunft unseres Handwerks

Daniel Fürst
Daniel Fürst /

Liebe Kolleginnen und Kollegen,Albert Einstein sagte einmal: „In der Mitte von Schwierigkeiten liegen Möglichkeiten.“ Angesichts der aktuellen Veränderungen in unserem Handwerk finde ich dieses Zitat sehr passend. Und doch möchte ich zu Beginn die Umstände, die uns in Schwierigkeiten bringen, etwas näher betrachten. Seit einigen Jahren braucht unser Handwerk mehr Fachkräfte, und das trotz verschiedener Ausbildungskampagnen, Besuchen auf Ausbildungsmessen, steigenden Ausbildungsvergütungen und dem Engagement vieler ausbildungsbereiter Betriebe. Vor allem, wenn wir uns die anstehende Verrentungswelle ansehen, wird deutlich, dass es an Fachkräften und somit an zukünftigen Betriebsinhabern mangelt.

Hinzu kommt die Wärmewende. Unabhängig davon, ob man zukunftsorientiert oder konservativ eingestellt ist: An den immer weniger werdenden Öl- und Gasfeuerstätten werden wir Schornsteinfeger erst einmal nichts ändern können. Diese Entscheidung wurde bereits vor vielen Jahren von den politischen Verantwortlichen getroffen. Und eines sei an dieser Stelle erwähnt: Nach den Erfahrungen mit dem Krieg in der Ukraine und dem Krieg im Nahen Osten sowie den damit verbundenen Preissteigerungen im Energiesektor sollten wir mehr denn je unabhängig von ausländischen Energieimporten werden.

Was jedoch fehlt, nachdem auf europäischer Ebene, in der Bundesrepublik Deutschland, in den Bundesländern und sogar in einigen Kommunen beschlossen wurde, in naher Zukunft klimaneutral zu sein, ist die politische Verlässlichkeit. Es fehlt die Zusage der Regierungen, dass sie nicht alle paar Jahre – meist nach den Wahlen bzw. sogar während der Wahlkämpfe – das erklärte Klimaschutzziel in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung rücken. Nicht nur wir Schornsteinfeger, sondern auch viele andere brauchen eine verlässliche Zusage, in welche Richtung in den nächsten Jahrzehnten gearbeitet werden kann. Die Volatilität, die wir derzeit spüren, bringt zwar bei manchen in der Bevölkerung Zustimmung, doch das ist nur eine Momentaufnahme. Der Schaden, der durch einen Zickzackkurs bei Klimaschutzfragen angerichtet wird, ist viel größer, als wir uns auf den ersten Blick vorstellen können. Man fühlt sich fast wie eine gejagte Maus, die von einer Seite zur anderen rennt, um nicht von Gesetzesnovellierungen „gefressen“ zu werden. Am Ende ist man aber außer Atem und kraftlos, nur weil die Ziele stets verändert wurden.

Es heißt, wir wollen einen klimaneutralen Gebäudebestand in Deutschland erreichen. Diese Regelung gibt uns die europäische Gebäuderichtlinie vor. Die Sanierung der Gebäude erfordert umfangreiche Beratung durch Energieberater, und es muss insgesamt immens viel Kapital dafür aufgebracht werden. Es ist eine Mammutaufgabe, dieses Ziel in wenigen Jahren umzusetzen. Das erfordert Kraft, aber vor allem politische Verlässlichkeit. Durch Förderstopps, Deregulierung an falscher Stelle, mangelnden Vollzug und dergleichen rückt das Ziel jedoch in immer weitere Ferne. Auch der Hochlauf der Wärmepumpe wurde von der vorherigen Bundesregierung ausgerufen und nahm Fahrt auf. Die Heizungsindustrie, die Gewerke und alle damit verbundenen Unternehmen haben sich darauf eingestellt. Doch inzwischen scheint der politische Wille, am Wärmepumpenhochlauf festzuhalten, nicht mehr im Fokus zu stehen. Unabhängig davon, ob man Wärmepumpen befürwortet oder ablehnt, macht es wenig Sinn, während laufender Prozesse die Richtung zu ändern. Das kostet alle Beteiligten Kraft, Kapital und Nerven und führt zu einem Vertrauensverlust in die Regierung sowie zu rückläufigen Investitionen in vielen Bereichen.

Einst war es auch der politische Wille, unser Handwerk zu liberalisieren. Mit dem Inkrafttreten des Schornsteinfeger-Handwerksgesetzes fiel das Monopol für das Schornsteinfegerhandwerk. Es wurde auch eine Übergangsregelung geschaffen, die es dem Schornsteinfegerhandwerk ermöglichte, sich einige Jahre in sehr gesicherten Strukturen zu entwickeln. Doch statt sich zu entwickeln, tritt unser Handwerk auf der Stelle. In vielen Bereichen entwickelt es sich sogar rückläufig. Es wäre also an der Zeit gewesen, umfangreiche Novellierungen anzustreben, um unser Handwerk für die nächsten Jahrzehnte auszurichten. Das wurde mit der letzten Novelle des Schornsteinfeger-Handwerksgesetzes leider verpasst. Die Schwierigkeiten in unserem Handwerk bleiben aber weiter bestehen: Trotz zweier sehr starker Ausbildungsjahrgänge gibt es immer weniger Fachkräfte. Die Anzahl der Betriebe ist seit vielen Jahren rückläufig. In immer mehr Bundesländern wird die Besetzung von Bezirken nahezu unmöglich. Viele Bezirke mussten wegen mangelnder Bewerber oder fehlender Auskömmlichkeit – also zu wenig Tätigkeiten in einem Bezirk – aufgelöst werden. Zudem ist es dem Schornsteinfegerhandwerk flächendeckend nicht gelungen, sich von den gesetzlich vorgeschriebenen Tätigkeiten zu lösen und Dienstleistungsangebote zu schaffen, die von den Kundinnen und Kunden tatsächlich nachgefragt werden.

Und so kommen wir wieder zu Albert Einstein, der sagte: „In der Mitte von Schwierigkeiten liegen Möglichkeiten.“

Wenn uns bewusst ist, dass es immer weniger Fachkräfte gibt, viele Betriebsinhaber in den Ruhestand gehen werden, Bezirke nicht besetzt werden können und infolgedessen in nennenswerter Größenordnung aufgelöst werden müssen und immer weniger beschäftigte Meister eine Selbstständigkeit anstreben, dann sollten wir uns die Frage stellen, ob es nicht klüger wäre, einen Teil der Bezirke aufzulösen, solange die Tätigkeiten des Hauptumsatzfeldes durch Öl- und Gasfeuerstätten noch stabil sind. Das würde in kurzer Zeit dafür sorgen, dass die Betriebe wachsen und viele von ihnen einen zweiten oder gar dritten Mitarbeiter einstellen müssen. Das würde die Resilienz, die Wirtschaftlichkeit und die Effizienz der einzelnen Betriebe erhöhen. Dadurch könnte echtes Wachstum außerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Tätigkeiten entstehen. Es gäbe eine echte Nachfrage nach unserem Dienstleistungsangebot, die nicht durch einen politischen Zickzackkurs ins Stocken geraten könnte. Mit der letzten Novellierung des Schornsteinfeger-Handwerksgesetzes hätte man das Schornsteinfegerhandwerk vorausschauend und behutsam gestalten können, indem freiwerdende Bezirke bis auf Weiteres direkt aufgelöst werden. Gleichzeitig hätte man durch eine Verlängerung der Intervalle der Feuerstättenschau für die notwendige Entlastung der bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger sorgen können. So hatten wir es in unseren Stellungnahmen zumindest vorgeschlagen. Doch leider gab es dafür keine Mehrheiten. Nach einer Novellierung ist jedoch auch immer vor einer Novellierung. Da die Probleme unseres Handwerks durch die letzte Novellierung nicht gelöst werden konnten, müsste unserer Ansicht nach bald die Möglichkeit bestehen, ein geändertes System im Schornsteinfegerwesen weiter zu diskutieren.

Ich weiß, dass diese Gedanken bei einigen Kolleginnen und Kollegen Angst auslösen und viel Überwindung kosten. Es wäre jedoch eine der Möglichkeiten, am Bezirkssystem festzuhalten und unser Handwerk fit für die Zukunft zu machen.

Innovationszentrum Schornsteinfegerhandwerk

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